Kapitel 0

Begriffe & Grundlagen

Bevor es losgeht: dieselben Wörter

Wozu dieses Kapitel

Damit wir ab Modul 1 dieselben Wörter benutzen: LLM, Token, Kontextfenster, Prompt, Halluzination. Kein KI-Kurs — nur die Begriffe, die wir die nächsten drei Tage brauchen.

Ihr müsst das nicht können

Wer täglich mit KI-Werkzeugen arbeitet, darf hier auf Durchzug schalten — für euch ist das Wiederholung.

Aber es lohnt sich

Fast jeder Einstiegsfehler in Modul 1 lässt sich auf ein missverstandenes Grundwort zurückführen. Zehn Minuten, die sich auszahlen.

Die Landkarte: KI, ML, LLM

KI · Künstliche Intelligenz
ML · Machine Learning
LLM
Large Language Model
Claude, GPT & Co. — hier baut Claude Code auf

Von außen nach innen immer spezifischer: LLM ⊂ ML ⊂ KI. Kurzdefinitionen im Glossar am Kapitelende.

Vom Prompt zum Kontextfenster

Bevor das Modell rechnet, wird euer Prompt aufbereitet: ein Tokenizer zerlegt den Text deterministisch in Tokens (Teilwörter aus festem Vokabular), jedes Token wird zu einem Vektor (Embedding) mit Positionsinfo — und belegt einen Slot im Kontextfenster.

Mensch
User
Client · nimmt den Prompt
Claude CodeConsole / Web-Input
Daten
Prompt„…die Buchung"
Prozess
TokenizerText → Tokens
landet ins Array
Kontextfenster
0 System-Prompt
1 vorherige Eingaben …
k Der·Kunde·…·ung
n frei

Tokenizer-Beispiel — ganze Wörter zerfallen in Teil-Tokens:

Der Kunde storniert die Buchung
Der User tippt in die Claude-Code-Konsole (oder den Web-Input); der tokenisierte Prompt reiht sich mit den vorherigen Eingaben ins Slot-Array. Dieses gefüllte Kontextfenster ist der Input für die LLM-Engine — was die LLM-Engine damit macht, sehen wir gleich.

Der unsichtbare Rahmen: System-Prompt & Tools

Slot 0 im Kontextfenster ist der System-Prompt — den tippst nicht du. Den setzt Claude Code unsichtbar davor, bei jedem Aufruf.

Mensch
User
„Refactore diese Klasse"
Client · hängt davor
Claude CodeSystem-Prompt + Tool-Defs + CLAUDE.md
→ Kontextfenster
Kontextfenster
0 System-Prompt + Tools
CLAUDE.md, Verlauf
k „Refactore diese Klasse"
Prozess Daten
# So sieht Slot 0 ungefähr aus (gekürzt):
„Du bist ein präziser Software-Agent. Tools: Bash, Edit, Read, Grep
Antworte für Tool-Calls im vorgegebenen Format. Halte dich an die Projektregeln …"
Entmystifiziert: Claude Code ist eine CLI-Anwendung, die einen großen System-Prompt + Tool-Definitionen vor jeden deiner Prompts schnallt. Daher „weiß" der Agent, welche Werkzeuge er hat — und Slot 0 ist nie leer, kostet also immer Kontext (mehr in Modul 2).

Im Inneren: durch die Schichten

Der Input ist das Kontextfenster als Folge von Vektoren (je Token einer). Diese laufen durch N Transformer-Schichten — je Self-Attention (jede Position → alle) + Feed-Forward + Residual. Dieser Teil wird pro Token wiederholt.

Daten · Vektoren
je Token 1 Vektor
↻ pro Token neu durchlaufen
Prozess
Transformer · N Schichten
Schicht 1 · Attention + FFN
Schicht N · Attention + FFN
trainierte Gewichte = das Modell (z.B. Opus 4.8)
Prozess
Output-ProjektionWahrscheinlichkeit je Token
Daten
wahrsch. = 1 Token
Token anhängen → alles erneut, bis Stopp-Token (autoregressiv, nächste Folie)
Prozess Daten Vektoren · vereinfacht
Ein Durchlauf durch alle N Schichten = genau 1 Token (nicht zwingend ein Wort: „Buchung" = 2 Tokens = 2 Durchläufe). Die Output-Projektion sitzt innen und liefert ein Token, noch keinen Text — Token→Text (Detokenizer) erst am Ende.
Bekommt jede Schicht das Original? Nein — jede Schicht rechnet auf den Vektoren der vorigen; Attention (jede Position → alle) + Residual geben trotzdem an jeder Schicht Zugang zum ganzen Kontext.

Die Vorhersage ist bedingt durch den Kontext

Das Modell berechnet über sein ganzes Vokabular eine Wahrscheinlichkeitsverteilung fürs nächste Token — bedingt durch alle Tokens im Kontextfenster: P(nächstes Token | Kontext).
Daten · Kontext (Auszug)
Konto·Beleg·Rechnung
· … ·storniert·die·?
setzt die Domäne: Buchhaltung
Prozess
Transformer
Daten · Verteilung übers Vokabular
Buchung62%
Rechnung28%
Reise2%
Daten Prozess
Nicht magisch, sondern konditioniert: Weil der Kontext „Konto/Beleg/Rechnung" enthält, ist „Buchung" wahrscheinlich. Derselbe Satz in einem Reise-Kontext (Flug·Hotel·…) ⇒ „Reise" wird wahrscheinlich. Gleiche letzten Tokens, anderer Kontext → andere Verteilung.
Aus dieser Verteilung wird das nächste Token gewählt — meist gezogen, nicht stur das Top-1. Genau daraus entsteht, dass dieselbe Frage unterschiedlich beantwortet wird → Modul 1 (Nicht-Determinismus).

Autoregressiv — Token für Token

Der Transformer liefert Token für Token (Folie zuvor), jedes angehängt und neu durchlaufen — bis ein Stopp-Token kommt. Dann schließt sich der Kreis von „Vom Prompt…": die Tokens werden zu Text und gehen zurück an dich.

Prozess · Loop
Generierung↻ Token für Token, bis Stopp-Token
Daten
Token-Folge
Prozess
DetokenizerTokens → Text
Client
Claude Code
Mensch
User liest
Prozess Daten Mensch
Jedes Token = ein voller Durchlauf über den ganzen Kontext. Zwei Folgen für den ganzen Kurs: langer Output = mehr Rechenaufwand (teurer, langsamer), und der Verlauf muss jedes Mal wieder mit hinein. Was das praktisch heißt → Modul 1.

Prompt, Antwort, Halluzination

Prompt

Eure Eingabe an das Modell — Frage, Auftrag, Kontext. Das, was ihr tippt.

Antwort

Die vom Modell erzeugte Fortsetzung — Text, Code, ein Plan.

Halluzination

Eine Antwort, die überzeugend klingt, aber falsch ist — eine erfundene Methode, eine erfundene Quelle.

Das Tückische: Eine Halluzination klingt genauso souverän wie eine richtige Antwort. Es gibt keinen Tonfall-Unterschied.

Wie ein Modell entsteht: Pre-Training → Fine-Tuning

Daten · öffentlich
Code · Text
GitHub · OpenJDK
Prozess · Phase 1
Pre-Trainingliest riesige Mengen → Muster, Rohwissen
Daten
Basis-
Modell
Prozess · Phase 2
Fine-TuningSFT + RL → hilfreich & richtig
Daten · fix
Modell = Gewichte
Prozess Daten

Stark

Standard-Patterns sitzen perfekt — Singleton, REST-Controller, Stream-API. Millionenfach gesehen.

Blind

Dein projektspezifischer Code, interne Konventionen, private Repos — nie gesehen.

Veraltet

Alles nach dem Cut-off (neue Framework-Versionen, geänderte APIs) — unbekannt, wird geraten.

Pre-Training gibt das breite Rohwissen (daher stark bei Standard-Code), Fine-Tuning richtet aus (SFT = aus guten Beispielen, RL = per Feedback). RL & Cut-off im Detail → Modul 1.

Code ist verifizierbar — Compiler-Feedback im Training

Ein Essay muss ein Mensch bewerten. Code hat eine objektive Wahrheit: er kompiliert — oder nicht. Tests sind grün — oder rot. Das nutzt das Fine-Tuning.

Im Fine-Tuning erzeugt das Modell Code → eine automatische Sandbox führt javac + Unit-Tests aus → nur Kompilierendes/Grünes wird behalten bzw. belohnt (Rejection Sampling + RL mit Compiler-Reward). Millionenfach → korrekte Syntax, Typen und APIs werden massiv bevorzugt.

Im Training

Milliarden Compiler-Feedback-Schleifen — das Netz verinnerlicht Java-Syntax & -Muster.

Zur Laufzeit (Chat/Web)

Kein Compiler. Code entsteht rein statistisch, Token für Token — ungeprüft, ob er kompiliert.

Der Agent (Claude Code)

Bringt die Schleife zurück an den Arbeitsplatz: mvn test → echter javac-Fehler → korrigiert bis grün.

Dieselbe Feedback-Schleife — zweimal: erst im Training, dann durch den Agenten an deinem Arbeitsplatz. Genau das macht einen Agenten aus mehr als „Chat mit Code".
Vereinfachte Darstellung des öffentlich beschriebenen Vorgehens für Code-Modelle (verifizierbare Domänen, Rejection Sampling, RL mit Execution-Feedback). Die genauen internen Verfahren der Anbieter sind proprietär. — geprüft am 2026-07-21

Was ein LLM nicht ist

Kein Google

Es sucht nicht live im Netz. Es antwortet aus dem, was es beim Training gelesen hat (Stichtag!) — sofern ihm keine Werkzeuge etwas anderes geben.

Keine Datenbank

Es ruft nichts exakt ab. Es rekonstruiert plausibel — deshalb kann dieselbe Frage unterschiedlich beantwortet werden.

Kein normales Programm

Gleiche Eingabe heißt nicht gleiche Ausgabe. Es ist nicht deterministisch — anders als jeder Code, den ihr kennt.

Kein Compiler / keine IDE

Es versteht Code nicht strukturell (kein AST) und führt ihn nicht aus. Ob etwas kompiliert, weiß es nicht — dafür braucht es echte Werkzeuge (gleich mehr).

Die meisten Enttäuschungen entstehen, weil man eines dieser vier Dinge erwartet — und das Modell etwas anderes ist.

LLM vs. IDE — Text statt AST

IDE / Compiler

Versteht den AST: Typen, Symbole, Struktur. Kompiliert — und weiß, ob der Code korrekt ist.

LLM

Sieht nur einen Strom aus Text-Tokens. Kein AST, keine Typprüfung. Es sagt plausiblen Text voraus — ob er kompiliert, weiß es nicht.

Konsequenz — der rote Faden des ganzen Kurses: Ein Agent braucht den Compiler und die Tests als Rückkopplung. Sie geben ihm das Realitäts-Feedback, das dem reinen Text-Modell fehlt.
Daten
generierter
Code
Prozess · Realität
Compiler / TestsMaven · Gradle · JUnit
Daten · Feedback
grün / rot
zurück an
Agentkorrigiert
Prozess Daten

Kapitel 0 — Glossar Glossar

KI — Künstliche Intelligenz Sammelbegriff für Systeme mit „intelligentem" Verhalten. Sehr weit gefasst — oft ein Marketingwort.
ML — Machine Learning Der Teil der KI, der Muster aus Daten lernt, statt fest programmiert zu sein. LLMs sind eine Form davon.
LLM — Large Language Model Ein großes, auf Text trainiertes ML-Modell, das das nächste Token vorhersagt. Claude, GPT & Co. Claude Code baut darauf auf.
System-Prompt Der von Claude Code unsichtbar vorangestellte Rahmen (Rolle, Tools, Regeln, CLAUDE.md). Belegt Slot 0 — bei jedem Aufruf.
Kontextfenster Die feste Zahl an Token-Slots, die das Modell bei einem Aufruf gleichzeitig sieht — der gesamte Input. Was nicht hineinpasst, existiert nicht.
Transformer Das Kernstück eines LLM: das neuronale Netz aus einem Stapel gleichartiger Schichten (Self-Attention + Feed-Forward, mit Residual).
Self-Attention In jeder Schicht darf jede Token-Position auf alle anderen schauen und sie gewichten. So fließt Kontext zwischen den Tokens.
Feed-Forward Der zweite Teil jeder Schicht: verarbeitet jede Position einzeln. Attention mischt zwischen Positionen, FFN rechnet pro Position.
Residual-Verbindung Eine Umgehung, die den Eingang einer Schicht zum Ausgang addiert. Frühere Information bleibt erhalten, tiefe Netze bleiben trainierbar.
Gewichte / Parameter Die Milliarden Zahlen in den Schichten — hier steckt das trainierte Wissen. Nach dem Training fix (daher Cut-off).
Modell (z.B. Opus 4.8) Ein konkreter trainierter Gewichts-Satz samt Architektur. Opus/Sonnet/Haiku = verschiedene Modelle; neue Version = neu trainierte Gewichte.
Cut-off-Datum Der Trainings-Stichtag. Alles danach (neue API-Versionen, dein letztes halbes Jahr Projekt) ist unbekannt — das Modell rät dann plausibel.
AST (Abstract Syntax Tree) Die Baum-Darstellung von Code, mit der Compiler/IDEs arbeiten (Typen, Symbole, Gültigkeit). Ein LLM hat sie nicht — es sieht nur Text-Tokens.

Diese Begriffe fließen ins Gesamt-Glossar am Kursende ein (alle Module).

Von hier geht es los

Jetzt kennen wir die Wörter. Ab Modul 1 fragen wir: Was folgt daraus für die Praxis?
Warum stateless im Alltag wehtut — und was man dagegen tut
Warum Nicht-Determinismus heißt: auf Abnahmekriterien setzen, nicht auf Wiederholbarkeit
Wie aus dem Textmodell ein Agent wird, der in eurem Projekt arbeitet

© 2026 CGS IT Solutions GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Diese Schulungsunterlagen sind urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung, Weitergabe oder kommerzielle Nutzung — auch in Auszügen — nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung der CGS IT Solutions GmbH.

cgsit-claude-training · Kapitel 0 · v0.2.1