Modul 1
Grundlagen von LLMs & AI Agents
Tag 1 · ca. 90 Minuten
Lernziel Modul 1
Der Teilnehmer versteht, warum LLMs stateless sind, nicht-deterministisch antworten und in einer Agent-Schleife arbeiten — und kann daraus die typischen Einstiegsfehler ableiten.
- Stateless — das Modell behält nichts; wer den Kontext herstellt, macht die eigentliche Arbeit.
- Nicht-deterministisch — dieselbe Eingabe kann zwei Antworten erzeugen; verlässlich ist nur das Abnahmekriterium, nicht der Weg.
- Agent-Schleife — denken, Werkzeug rufen, Ergebnis lesen, weiter: daran hängt alles, was Claude Code tut.
- Einstiegsfehler — jeder typische Anfängerfehler folgt aus einem dieser drei Punkte, keiner ist Zufall.
Drei Eigenschaften, eine Konsequenz — das ist der ganze Bauplan dieses Moduls.
Übung 1a — Die Grundlage anlegen
Bevor irgendetwas gebaut wird: Ihr messt, warum es CLAUDE.md gibt — mit derselben Frage, dreimal gestellt.
/init im leeren Verzeichnis. Notiert, was passiert und mit welcher Begründung.
- Projekt beschreiben (Prompt 0), dann die Gegenfrage stellen — es weiß es.
/clear, dieselbe Frage: weg. Nichts davon hat überlebt.
CLAUDE.md von Hand schreiben — drei Rubriken: Fachlich · Stack · Konventionen. Gerüst: starter/CLAUDE.md.vorlage.
/clear, dieselbe Frage ein drittes Mal: wieder da — ohne dass ihr etwas gesagt habt.
mkdir -p ~/kurs/ctrain-seminar-app
cd ~/kurs/ctrain-seminar-app
git init && claude
Prompt 0 · was es wirdDieses Projekt wird eine kleine Seminarverwaltung in Java:
Seminare mit Kapazität anlegen, freie Plätze berechnen, später
Buchungen. Aufgebaut mit Maven, getestet mit JUnit 5.
Die Gegenfrage · dreimalWas bauen wir hier, und mit welchem Build-Werkzeug?
Dauer ca. 13 Minuten · Einzelarbeit
Übung 1a2 — Das Gerüst aus der Grundlage
Jetzt zahlt sich die Datei aus: Der Prompt nennt keine Eckdaten mehr — die holt sich das Werkzeug aus CLAUDE.md.
- Prompt 1 absetzen. Er sagt nicht, wie das Package heißt oder welche Java-Version gilt.
- Warten, bis
mvn test grün ist. Fehler zurückgeben, nicht selbst reparieren.
- Nachprüfen: Stimmen groupId, artifactId und Package mit eurer
CLAUDE.md überein? Ihr habt sie nicht genannt.
- Sichern:
!git add -A && git commit -m "erstes Geruest"
Das ist der vierte Messpunkt: Die Datei wird nicht nur gelesen —
es wird danach gehandelt.
Prompt 1 · GerüstLege jetzt das Maven-Grundgerüst an. Die Eckdaten — groupId,
artifactId, Package und Java-Version — stehen in CLAUDE.md.
Dazu eine Klasse Seminar mit freiePlaetze(kapazitaet, gebucht),
nie negativ, und genau einen Test.
Danach mvn test laufen lassen, bis er grün ist.
Dauer ca. 9 Minuten · Einzelarbeit · hier ist Pause — Auflösung auf der nächsten Folie
Auflösung Übung 1a und 1a2
Dieselbe Frage, dreimal gestellt — drei verschiedene Antworten.
Der Unterschied liegt nicht im Modell, sondern in dem, was mitgeschickt wurde.
/init hat nichts geschrieben, weil es nichts zu beschreiben gab. Es liest die Wirklichkeit, es erfindet sie nicht.
- Gesagt — weiß es. Nach
/clear — weiß es nichts: Der Kontext ist weg, eine zweite Quelle gibt es nicht.
- Mit
CLAUDE.md — weiß es wieder. Die Datei wird bei jedem Start automatisch mitgeschickt.
- Und das Gerüst? Package, groupId und Java-Version standen in keinem Prompt. Die Datei wird nicht nur gelesen — es wird danach gehandelt.
# CLAUDE.md — drei Rubriken, keine optional
## Fachlich
was gebaut wird, welche Regeln gelten
## Stack
Sprache, Build, Tests — und die Lücken:
„Persistenz: noch keine"
## Konventionen
Package, KISS, DRY, Test je Fachlogik
# Gerüst: starter/CLAUDE.md.vorlage
Lücken zu benennen ist Teil der Dokumentation. „Noch keine Persistenz" ist eine Aussage — Schweigen ist eine Einladung zum Raten.
Warum Gesagtes den Session-Wechsel nicht überlebt,
kommt gleich: Kapitel 3, Understanding Stateless AI.
Das Modell sieht keine Wörter
Text wird vor der Verarbeitung in Tokens zerlegt —
Bausteine zwischen Zeichen und Wort.
Der Seminarteilnehmer
storniert die Buchung.
Faustregel Deutsch: 1 Token ≈ 3–4 Zeichen.
Deutsche Komposita zerfallen in mehr Tokens als englische Wörter — derselbe Inhalt kostet auf Deutsch spürbar mehr.
Warum euch das interessieren muss
Kosten
Abgerechnet wird pro Token — Ein- und Ausgabe getrennt.
Kontextfenster
Die Obergrenze ist in Tokens definiert, nicht in Dateien.
Geschwindigkeit
Mehr Tokens = längere Antwortzeit, linear spürbar.
Qualität
Ein volles Fenster ist nicht nur teuer — es wird auch schlechter (Modul 3).
Alles, was in die Session gerät — jede gelesene Datei, jede Testausgabe, jeder Fehler-Stacktrace — kostet Tokens und bleibt dauerhaft drin.
Thinking Models & Reasoning
Reasoning in einem Satz
„Denken" ist keine neue Architektur: Das Modell generiert vor der Antwort zusätzliche Decode-Tokens in einen internen Notizblock — zerlegt, verwirft, korrigiert sich — und antwortet dann bedingt durch den eigenen Plan.
Ein Regler zwischen Kosten und Sorgfalt, kein Ein/Aus-Schalter für Intelligenz.
Ohne Reasoning
Schnell, billig, gut bei klaren, lokalen Aufgaben:
Umbenennen, Formatieren, offensichtliche Fixes.
Mit Reasoning
Langsamer, teurer, deutlich besser bei Analyse, Architektur,
Fehlersuche mit mehreren Verdächtigen.
Wie das technisch funktioniert (Test-Time
Compute, Chain-of-Thought, Selbstkorrektur)
eigenes Deck „Exkurs: Thinking Models & Reasoning".
Die Bedienung in Claude Code kommt in Modul 4.
Understanding Stateless AI
Das Modell hat kein Gedächtnis
Ein LLM ist eine Funktion: Text rein, Text raus.
Zwischen zwei Aufrufen bleibt nichts zurück.
Wenn das Modell nichts behält — warum kann es sich dann im Chat an die vorige Nachricht erinnern?
Die Antwort: alles wird neu geschickt
| Runde |
Was tatsächlich an das Modell geht |
| 1 | Systemprompt + Frage 1 |
| 2 | Systemprompt + Frage 1 + Antwort 1 + Frage 2 |
| 3 | Systemprompt + Frage 1 + Antwort 1 + Frage 2 + Antwort 2 + Frage 3 |
| … | … und so weiter, bis das Fenster voll ist |
„Gedächtnis" ist eine Illusion, die der Client erzeugt, indem er die gesamte Historie bei jedem Aufruf mitsendet.
Warum das bezahlbar bleibt: der unveränderte Anfang wird
serverseitig wiederverwendet — Prompt Caching, siehe LLM-Grundlagen.
Was sofort daraus folgt
1Sessions wachsen nur. Nichts fällt von selbst raus. Was einmal drin ist, wird bei jedem weiteren Schritt mitbezahlt.
2Wissen muss anfassbar sein. Was der Agent wissen soll, gehört ins Repo — nicht in eine Chatnachricht von gestern.
3Neu anfangen ist ein Werkzeug. Eine frische Session ist oft schneller und besser als eine lange, in der man „nur noch schnell" weitermacht.
Warum AI unterschiedliche Antworten gibt
Gewürfelt wird bei jedem Token
Das Modell berechnet keine Antwort.
Es berechnet eine Wahrscheinlichkeitsverteilung über das nächste Token — und zieht daraus.
gleiche Eingabe
eine Ziehung — und ab daLauf 1: delete … ein Weg
Lauf 2: cancel … ein anderer
rot: gezogen wird jedes Mal neu — auch aus derselben Verteilung
Zweimal dieselbe Aufgabe heißt zweimal ein anderer Weg — und manchmal ein anderes Ergebnis.
Konsequenz für die Arbeitsweise
Funktioniert nicht
„Es hat gestern geklappt, also klappt es heute."
„Ich schreibe den perfekten Prompt und bekomme immer dasselbe."
„Der Kollege hat denselben Prompt — also dasselbe Ergebnis."
Funktioniert
Verifizierbare Ergebnisse statt reproduzierbarer Wege.
Tests, Build, Diff, laufende Anwendung — etwas, das objektiv grün oder rot ist.
Der Weg darf variieren, das Abnahmekriterium nicht.
Das ist der Grund, warum sich der ganze Kurs um Gates und Artefakte dreht (Modul 5) und nicht um Zauberformeln.
Übung 1b — Zweimal derselbe Prompt
Ihr habt gerade gehört, warum zwei Läufe verschieden ausfallen.
Jetzt messt ihr es — am eigenen Projekt.
- Prompt 2 absetzen und den Lauf auf einem Branch festhalten.
- Zurück auf das Gerüst — beide Läufe brauchen denselben Ausgangspunkt.
/clear, denselben Prompt erneut, zweiter Branch.
git diff zwischen beiden — und vergleich.md ausfüllen: Form und Fachlichkeit getrennt.
Den ersten Lauf nicht wegwerfen — sonst gibt es nichts zu vergleichen.
Prompt 2 · zweimalErgänze eine Methode, die prüft, ob ein Seminar ausgebucht ist.
# in der Session bleiben: ! ist der Shell-Modus
!git switch -c lauf-1 && git commit -am "lauf 1"
!git switch main
# /clear, Prompt 2 erneut, dann
!git switch -c lauf-2 && git commit -am "lauf 2"
!git diff lauf-1 lauf-2
Dauer ca. 10 Minuten · Einzelarbeit · Auflösung auf der nächsten Folie
Auflösung Übung 1b
Wahrscheinlich weniger Unterschied als erwartet — und genau das ist das Ergebnis.
- Typisch variiert: Methoden- und Testnamen, gewählte Testdaten, Reihenfolge. Die Form.
- Oft identisch: die Fachlogik selbst. Bei einer engen Aufgabe taucht die Produktivklasse im Diff manchmal gar nicht auf.
- Warum so wenig Spielraum? Ihr habt ihn selbst weggenommen: klare Aufgabe, Konventionen in
CLAUDE.md, eine bestehende Klasse als Vorbild.
- Der Umkehrschluss: Varianz ist kein Naturgesetz, sondern der Rest an Freiheit, den ihr gelassen habt.
Nicht-Determinismus verschwindet nie — aber er wirkt sich nur dort aus,
wo die Aufgabe Platz lässt. Kontext ist die Bremse.
Deshalb dreht sich Modul 3 um
Context Engineering und Modul 4 um Verifiable Outputs:
einengen, was einzuengen ist — und den Rest am Ergebnis prüfen.
AI Agents & Agent Mindset
Vom Textgenerator zum Agenten
Ein Agent ist eine LLM in einer Schleife — mit einem
Client (Claude Code), der die Werkzeuge ausführt
und den Kontext wachsen lässt:
Prozess
Daten
Mensch
Zwei getrennte LLM-Berechnungen (3 und 7) — dazwischen arbeitet nur der Client lokal.
Der Bestell-Zyklus 4–6 wiederholt sich pro Werkzeug; am Ende (9) zeigt die CLI dem User das Ergebnis.
Die Schleife konkret: eine Datei lesen
1Du: „Fasse development-konzept.md zusammen" — Claude Code baut Kontext 1 (System-Prompt + Tool-Defs + Frage) und ruft die LLM.
2Die LLM hat keinen Festplattenzugriff — statt einer Antwort liefert sie den Tool-Call Read("development-konzept.md") zurück. Call 1 endet.
3Claude Code kann das Read-Tool: liest die Datei lokal von der Platte (nach Permission-Check).
4Claude Code baut Kontext 2 = Kontext 1 + Tool-Call + Tool-Result (Dateiinhalt) und ruft die LLM erneut.
5Die LLM verarbeitet — und antwortet. Oder sie bestellt das nächste Werkzeug: die Schleife dreht weiter.
API-Call 1 · bestellen
Kontext 1
0 System-Prompt + Tools
k Frage
Daten · Tool-Call
Read("….md")
Client · führt aus
Claude Codekann Read: liest Datei
API-Call 2 · liefern & verarbeiten
Kontext 2 = Kontext 1 + …
… Frage + Tool-Call
k Tool-Result: Dateiinhalt
Daten
Antwort — oder
nächster Tool-Call
Prozess
Daten
Zweimal LLM, zweimal Kontext: Call 1 bestellt, Call 2 liefert — und ab da bleibt die Datei für den Rest der Session im Fenster.
Wie ein Tool-Call wirklich aussieht
Der Tool-Call ist kein Text, den jemand herausliest — er ist ein typisierter JSON-Block, den die Schnittstelle zurückgibt.
- Kein Erkennen von Befehlen: Werkzeugname und Argumente kommen strukturiert aus der Schnittstelle, nicht aus einem Parser.
- Ausgeführt wird beim Client: das Modell führt nichts aus — Claude Code tut es.
- Kein Git-Adapter: ein Werkzeug
Bash, ein freier Befehls-String — der Interpreter ist eure Shell.
- Das Ergebnis fährt im nächsten Aufruf mit — deshalb wächst der Kontext mit jedem Werkzeug.
# 1. im Aufruf: die Werkzeuge als JSON-Schema
tools: [ { name: "Bash", input_schema: { command: string } }, … ]
# 2. Antwort des Modells — stop_reason: "tool_use"
{ "type": "tool_use", "id": "toolu_01A…",
"name": "Bash", "input": { "command": "git status --short" } }
# 3. Claude Code führt aus, Ergebnis in den NÄCHSTEN Aufruf
{ "type": "tool_result", "tool_use_id": "toolu_01A…",
"content": " M src/BookingService.java" }
Zerlegt wird der Befehl trotzdem — aber nur zum Prüfen (Freigaben, Hooks), nie zum Ausführen.
Was daran heikel ist, zeigt Modul 8.
checked am 2026-07-26 gegen platform.claude.com/docs (tool use)
Agent Mindset
Die produktivste Haltung ist weder „mächtiges Orakel" noch „dummer Autovervollständiger",
sondern:
Ein sehr schneller, sehr fleißiger neuer Kollege, der eure Codebasis nicht kennt, eure Konventionen nicht kennt, nie nachfragt, wenn er sich sicher fühlt — und alles vergisst, sobald er den Raum verlässt.
Aufgaben zuschneiden
So groß wie ein Ticket, nicht wie ein Projekt.
Kontext liefern
Was ein neuer Kollege bräuchte, braucht der Agent auch.
Ergebnisse prüfen
Vertrauen entsteht durch Nachsehen, nicht durch Hoffnung.
Eingreifen
Früh abbrechen ist billiger als spät reparieren.
Jede Mechanik hat ein Baukasten-Teil
Der Claude-Code-Baukasten aus Modul 2 ist keine Featureliste —
jedes Teil beantwortet eine Mechanik von heute Vormittag:
| Mechanik (dieses Modul) |
Problem im Alltag |
Baukasten-Antwort (Modul 2) |
| Stateless — nichts überlebt den Aufruf | Konventionen müssten jedes Mal neu erzählt werden | CLAUDE.md & Memory — wird automatisch immer mitgeschickt |
| Tool-Defs belegen Slot 0 | Jedes Werkzeug kostet Kontext, bevor es genutzt wird | Skills & MCP bewusst auswählen statt alles laden |
| Nicht-Determinismus | Gleicher Prompt, anderes Ergebnis | Verifikation & Gates — Commands, Review-Workflows |
| Agent-Schleife mit Tool-Calls | Der Agent handelt selbstständig — wo greift man ein? | Permissions & Hooks — Eingriffspunkte vor/nach jedem Tool-Call |
| Kontext ist endlich und wächst nur | Lange Sessions degradieren | Subagents — Teilaufgaben in eigenem Kontext |
| Aufgabenhärte variiert | Spitzenmodell für Fleißarbeit ist Verschwendung | Modellwahl pro Session/Subagent |
Merksatz für Modul 2: Wer die Mechanik kennt, muss den Baukasten nicht auswendig lernen — jedes Teil steht genau da, wo eine Mechanik wehtut.
Möglichkeiten, Grenzen & typische Einstiegsfehler
Wo Agents wirklich stark sind
Erschließen
Unbekannte Codebasis, unbekannter Stack — Fragen beantworten mit Belegstelle.
Tests nachrüsten
Ungetesteten Code absichern, bevor man ihn anfasst.
Mechanische Änderungen
Umbenennen, Migrieren, Muster über viele Dateien ziehen.
Erste Fassungen
Gerüst, Doku, Boilerplate — alles, was man leichter korrigiert als schreibt.
Fehlersuche mit Reproduktion
Wenn ein Test rot ist, hat der Agent ein objektives Ziel.
Übersetzen
Zwischen Sprachen, Frameworks, Formaten — sofern verifizierbar.
Wo es zuverlässig scheitert
Ungeschriebenes Wissen
„Das machen wir hier immer so" steht nirgends — also weiß er es nicht.
Große Umbauten am Stück
Je größer der Schritt, desto wahrscheinlicher der Irrweg.
Unklare Ziele
Ohne Abnahmekriterium produziert er etwas Plausibles statt etwas Richtiges.
Sehr Neues
Frische Library-Versionen liegen jenseits des Trainingsstands.
Echte Abwägungen
Fachliche Priorisierung, Risikoentscheidungen, Kundenversprechen.
Was er nicht sehen kann
Laufende Prod-Umgebung, Log-Verhalten, echtes Nutzerverhalten.
Die typischen Einstiegsfehler
| Fehler |
Kommt her von… |
Gegenmittel |
| „Bau mir die App" — Auftrag zu groß | Agent-Bild als Orakel | Zerlegen, Modul 5 |
| Ewige Session, wird immer schlechter | Stateless nicht verstanden | Session-Hygiene, Modul 4 |
| Konventionen im Chat statt im Repo | Illusion von Gedächtnis | CLAUDE.md, Modul 7 |
| Diff ungelesen übernommen | Vertrauen statt Verifikation | Review-Loops, Modul 4/9 |
| Alles blind bestätigen | Approval Fatigue | Permissions bewusst setzen, Modul 4 |
| Kein Abnahmekriterium genannt | Nicht-Determinismus ignoriert | Verifiable Outputs, Modul 4 |
| Halluzinierte API geglaubt | Cut-off nicht bedacht | Verifizieren lassen, Modul 3 |
Jeder dieser Fehler ist eine direkte Folge aus stateless, nicht-deterministisch oder Agent-Schleife.
Kein Fehler ist Zufall.
Modellwahl in Claude Code
Die Modell-Familien: Fable, Opus, Sonnet, Haiku
Fable
Die Spitze: das fähigste allgemein verfügbare Modell, gebaut für langlaufende Agenten. Für die härtesten Aufgaben.
1M-Token-Fenster · langsamstes Tempo · ca. 2× Opus-Preis · neuer Tokenizer: gleicher Text ergibt ca. 30 % mehr Tokens als bei älteren Modellen
Opus
Erste Wahl für komplexes agentisches Coding: schwierige Analyse, Architektur, verzwickte Fehlersuche.
1M-Token-Fenster · moderates Tempo · Referenzpreis
Sonnet
Der Ausgleich zwischen Stärke, Tempo und Preis — der Alltagsarbeiter.
1M-Token-Fenster · schnell · deutlich günstiger als Opus
Haiku
Klein und schnell. Für mechanische, klar umrissene Aufgaben und Hilfsläufe.
200k-Fenster · am schnellsten · am günstigsten · älterer Wissens-Cut-off
Die Namen sind die Familien, nicht die Versionen — Versionsnamen ändern sich mehrmals pro Jahr, und auch die Familienliste wächst: Fable kam erst Mitte 2026 dazu.
checked am 2026-07-22 gegen /model
Faustregeln zur Modellwahl
Im Zweifel das mittlere Modell. Die meiste Alltagsarbeit braucht keine Spitzenleistung.
Hochschalten bei Ratlosigkeit. Wenn zwei Anläufe scheitern, ist selten der Prompt schuld — sondern die Aufgabenhärte (Sonnet zu Opus, notfalls Fable).
Runterschalten bei Fleißarbeit. Mechanisches Umschreiben braucht kein Spitzenmodell.
Nicht am falschen Ende sparen. Ein billiger Fehllauf, den ihr eine Stunde debuggt, war nicht billig.
Benchmarks vs. Realität
Was Benchmarks messen
Abgeschlossene, saubere Aufgaben mit eindeutiger Lösung, ohne Altlasten,
ohne Firmenkonventionen, ohne 200 Dateien Kontext.
Was euer Alltag ist
Gewachsener Code, halbdokumentierte Entscheidungen, Sonderfälle vom
letzten Kunden, ein Build, der nur auf einem Rechner grün ist.
Benchmarks vergleichen Modelle untereinander.
Sie sagen nichts darüber, wie viel Nutzen ihr in eurem Repo habt.
Der einzige belastbare Benchmark ist ein Pilotprojekt bei euch.
Wie das Verhalten entsteht
1Vortraining — sehr viel Text. Ergebnis: Sprache, Weltwissen, Code-Muster.
2Nachtraining mit Feedback (Reinforcement Learning) — ein Bewerter belohnt gute Antworten: bei Texten der Mensch (RLHF, RL from Human Feedback), bei Code Compiler und Tests (siehe LLM-Grundlagen).
3Konsequenz: Das Modell ist darauf optimiert, hilfreich zu wirken. Eine flüssige, selbstsichere Antwort ist deshalb kein Qualitätssignal.
Es gibt keinen Tonfall-Unterschied zwischen „das weiß ich sicher" und „das klingt plausibel".
Beides klingt gleich gut.
Cut-off Dates
Das Trainingswissen endet an einem Stichtag.
Alles danach ist dem Modell unbekannt — und es merkt das nicht.
im Training gesehenSprachen, Bibliotheken, Muster
so, wie sie damals aussahen
nie gesehenneue Bibliotheksversionen, geänderte Schnittstellen,
eure letzten sechs Monate Projektgeschichte
rechts rät das Modell — es sagt nicht, dass es rät
Gefährlich
Es sagt nicht „kenne ich nicht". Es rät eine plausible API — Methodenname, Signatur und Beispiel sehen perfekt aus und existieren nicht.
Gegenmittel
Nachschlagen lassen statt erinnern lassen: Doku holen, im Projekt suchen, kompilieren. Der Compiler ist der beste Halluzinationsdetektor.
Übung 1c — Aus dem Gerüst wird ein Dienst
Der letzte Schritt von Tag 1 am eigenen Projekt: ein größerer, riskanterer Auftrag.
Der Agent baut um, ihr prüft.
- Umbau beauftragen (Prompt rechts). Ziel vorgeben, nicht die Schritte.
CLAUDE.md nachziehen — aus „Schnittstelle: noch keine" wird etwas anderes. Das ist der Lernpunkt.
- Abnahme:
mvn quarkus:dev läuft, der Endpunkt antwortet.
- Sichern:
!git add -A && git commit -m "quarkus"
Ändert sich die Wirklichkeit, muss die Grundlage nach —
sonst beschreibt die Datei ein Projekt, das es nicht mehr gibt.
Prompt · UmbauBaue dieses Maven-Projekt zu einem Quarkus-Dienst um
(Extension rest-jackson), ohne die Fachlogik zu ändern.
Danach: Seminar als REST-Resource anbieten, ein GET-Endpunkt,
der die freien Plätze liefert. Der bestehende Test bleibt grün.
Aktualisiere zum Schluss die Stack-Rubrik in CLAUDE.md.
# Abnahme
mvn quarkus:dev
curl localhost:8080/seminare/1/freie-plaetze
Dauer ca. 20 Minuten · Einzelarbeit · letzter Praxisteil von Tag 1
Modul 1 in vier Sätzen
1Das Modell rechnet in Tokens — alles, was in die Session kommt, kostet dauerhaft.
2Es ist stateless — Gedächtnis wird durch Wiederholen erzeugt, nicht durch Erinnern.
3Es ist nicht-deterministisch — verlasst euch auf Abnahmekriterien, nicht auf Wiederholbarkeit.
4Als Agent benutzt es Werkzeuge und liest die Ergebnisse — damit wird es nützlich und gleichzeitig gefährlich.
Alles, was in den nächsten drei Tagen kommt, ist eine Antwort auf eine dieser vier Eigenschaften.
Glossar Modul 1 Glossar
Agent (AI Agent)
Ein LLM in einer Schleife, das Werkzeuge benutzen darf und die Ergebnisse selbst liest — damit verlässt es den Chat und arbeitet im Projekt.
Agent-Schleife
Denken, Werkzeug benutzen, Ergebnis lesen, prüfen ob fertig — sonst von vorn. Jede Runde ist ein eigener API-Aufruf mit komplettem Verlauf.
Tool-Call / Tool-Result
Das Modell bestellt eine Werkzeug-Ausführung (Tool-Call), der Client führt sie aus und legt das Ergebnis (Tool-Result) in den Kontext. Das Modell selbst hat keinen Datei- oder Netzzugriff.
Nicht-Determinismus
Gleiche Eingabe führt nicht zwingend zur gleichen Ausgabe, weil je Token aus einer Verteilung gezogen wird. Antwort darauf: Abnahmekriterien statt Wiederholbarkeit.
Grundbegriffe (LLM, Token, Kontextfenster, Stateless …) im Glossar des Vorkapitels LLM-Grundlagen.
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cgsit-claude-training · Modul 1 · v0.11.5