Modul 1

Grundlagen von LLMs & AI Agents

Tag 1 · ca. 90 Minuten

Lernziel Modul 1

Der Teilnehmer versteht, warum LLMs stateless sind, nicht-deterministisch antworten und in einer Agent-Schleife arbeiten — und kann daraus die typischen Einstiegsfehler ableiten.

Drei Eigenschaften, eine Konsequenz. Das ist der ganze Bauplan dieses Moduls.

Inhalt

Tokens & Tokenizer

Womit das Modell tatsächlich rechnet

Thinking & Reasoning

Nachdenken als eigener Arbeitsschritt

Stateless AI

Warum das Modell nichts behält

Unterschiedliche Antworten

Nicht-Determinismus als Feature

Agents & Agent Mindset

Vom Textgenerator zum Werkzeugnutzer

Grenzen & Einstiegsfehler

Was schiefgeht und warum

Modellwahl

Opus, Sonnet, Haiku

Benchmarks vs. Realität

Was Ranglisten nicht sagen

RL & Cut-off Dates

Warum das Modell 2026 nicht kennt

Tokens & Tokenizer

Das Modell sieht keine Wörter

Text wird vor der Verarbeitung in Tokens zerlegt — Bausteine zwischen Zeichen und Wort.

Der Seminarteilnehmer storniert die Buchung.
Faustregel Deutsch: 1 Token ≈ 3–4 Zeichen. Deutsche Komposita zerfallen in mehr Tokens als englische Wörter — derselbe Inhalt kostet auf Deutsch spürbar mehr.

Warum euch das interessieren muss

Kosten

Abgerechnet wird pro Token — Ein- und Ausgabe getrennt.

Kontextfenster

Die Obergrenze ist in Tokens definiert, nicht in Dateien.

Geschwindigkeit

Mehr Tokens = längere Antwortzeit, linear spürbar.

Qualität

Ein volles Fenster ist nicht nur teuer — es wird auch schlechter (Modul 3).

Alles, was in die Session gerät — jede gelesene Datei, jede Testausgabe, jeder Fehler-Stacktrace — kostet Tokens und bleibt kosten.

Thinking Models & Reasoning

Nachdenken kostet Tokens — und lohnt sich

Moderne Modelle können vor der eigentlichen Antwort einen Denkschritt ausführen: sichtbares oder internes Reasoning, das ebenfalls aus Tokens besteht.

Ohne Reasoning

Schnell, billig, gut bei klaren, lokalen Aufgaben: Umbenennen, Formatieren, offensichtliche Fixes.

Mit Reasoning

Langsamer, teurer, deutlich besser bei Analyse, Architektur, Fehlersuche mit mehreren Verdächtigen.

Mehr Nachdenken ist nicht immer besser — es ist besser bei Problemen, die man nicht auf einen Blick löst.

Understanding Stateless AI

Das Modell hat kein Gedächtnis

Ein LLM ist eine Funktion: Text rein, Text raus. Zwischen zwei Aufrufen bleibt nichts zurück.

Eingabe
Modell
Ausgabe
Wenn das Modell nichts behält — warum kann es sich dann im Chat an die vorige Nachricht erinnern?

Die Antwort: alles wird neu geschickt

RundeWas tatsächlich an das Modell geht
1Systemprompt + Frage 1
2Systemprompt + Frage 1 + Antwort 1 + Frage 2
3Systemprompt + Frage 1 + Antwort 1 + Frage 2 + Antwort 2 + Frage 3
… und so weiter, bis das Fenster voll ist
„Gedächtnis" ist eine Illusion, die der Client erzeugt, indem er die gesamte Historie bei jedem Aufruf mitsendet.

Drei Konsequenzen, sofort

1Sessions wachsen nur. Nichts fällt von selbst raus. Was einmal drin ist, wird bei jedem weiteren Schritt mitbezahlt.
2Wissen muss anfassbar sein. Was der Agent wissen soll, gehört ins Repo — nicht in eine Chatnachricht von gestern.
3Neu anfangen ist ein Werkzeug. Eine frische Session ist oft schneller und besser als eine lange, in der man „nur noch schnell" weitermacht.

Warum AI unterschiedliche Antworten gibt

Gewürfelt wird bei jedem Token

Das Modell berechnet keine Antwort. Es berechnet eine Wahrscheinlichkeitsverteilung über das nächste Token — und zieht daraus.

  • Gleiche Eingabe → gleiche Verteilung
  • Gleiche Verteilung → nicht zwingend gleiche Ziehung
  • Ein anderes Token am Anfang → ab da läuft alles anders
Zweimal dieselbe Aufgabe heißt zweimal ein anderer Weg — und manchmal ein anderes Ergebnis.

Konsequenz für die Arbeitsweise

Funktioniert nicht

„Es hat gestern geklappt, also klappt es heute."

„Ich schreibe den perfekten Prompt und bekomme immer dasselbe."

„Der Kollege hat denselben Prompt — also dasselbe Ergebnis."

Funktioniert

Verifizierbare Ergebnisse statt reproduzierbarer Wege.

Tests, Build, Diff, laufende Anwendung — etwas, das objektiv grün oder rot ist.

Der Weg darf variieren, das Abnahmekriterium nicht.

Das ist der Grund, warum sich der ganze Kurs um Gates und Artefakte dreht (Modul 5) und nicht um Zauberformeln.

AI Agents & Agent Mindset

Vom Textgenerator zum Agenten

Ein Agent ist ein LLM in einer Schleife, das Werkzeuge benutzen darf und seine eigenen Ergebnisse liest.

Auftrag
Denken
Werkzeug
benutzen
Ergebnis
lesen
Fertig?
Die Werkzeuge sind das Entscheidende: Dateien lesen und schreiben, Befehle ausführen, suchen. Damit verlässt das Modell den Chat und betritt euer Projekt.

Agent Mindset

Die produktivste Haltung ist weder „mächtiges Orakel" noch „dummer Autovervollständiger", sondern:

Ein sehr schneller, sehr fleißiger neuer Kollege, der eure Codebasis nicht kennt, eure Konventionen nicht kennt, nie nachfragt, wenn er sich sicher fühlt — und alles vergisst, sobald er den Raum verlässt.

Aufgaben zuschneiden

So groß wie ein Ticket, nicht wie ein Projekt.

Kontext liefern

Was ein neuer Kollege bräuchte, braucht der Agent auch.

Ergebnisse prüfen

Vertrauen entsteht durch Nachsehen, nicht durch Hoffnung.

Eingreifen

Früh abbrechen ist billiger als spät reparieren.

Möglichkeiten, Grenzen & typische Einstiegsfehler

Wo Agents wirklich stark sind

Erschließen

Unbekannte Codebasis, unbekannter Stack — Fragen beantworten mit Belegstelle.

Tests nachrüsten

Ungetesteten Code absichern, bevor man ihn anfasst.

Mechanische Änderungen

Umbenennen, Migrieren, Muster über viele Dateien ziehen.

Erste Fassungen

Gerüst, Doku, Boilerplate — alles, was man leichter korrigiert als schreibt.

Fehlersuche mit Reproduktion

Wenn ein Test rot ist, hat der Agent ein objektives Ziel.

Übersetzen

Zwischen Sprachen, Frameworks, Formaten — sofern verifizierbar.

Wo es zuverlässig scheitert

Ungeschriebenes Wissen

„Das machen wir hier immer so" steht nirgends — also weiß er es nicht.

Große Umbauten am Stück

Je größer der Schritt, desto wahrscheinlicher der Irrweg.

Unklare Ziele

Ohne Abnahmekriterium produziert er etwas Plausibles statt etwas Richtiges.

Sehr Neues

Frische Library-Versionen liegen jenseits des Trainingsstands.

Echte Abwägungen

Fachliche Priorisierung, Risikoentscheidungen, Kundenversprechen.

Was er nicht sehen kann

Laufende Prod-Umgebung, Log-Verhalten, echtes Nutzerverhalten.

Die typischen Einstiegsfehler

FehlerKommt her von…Gegenmittel
„Bau mir die App" — Auftrag zu großAgent-Bild als OrakelZerlegen, Modul 5
Ewige Session, wird immer schlechterStateless nicht verstandenSession-Hygiene, Modul 4
Konventionen im Chat statt im RepoIllusion von GedächtnisCLAUDE.md, Modul 7
Diff ungelesen übernommenVertrauen statt VerifikationReview-Loops, Modul 4/9
Alles blind bestätigenApproval FatiguePermissions bewusst setzen, Modul 4
Kein Abnahmekriterium genanntNicht-Determinismus ignoriertVerifiable Outputs, Modul 4
Halluzinierte API geglaubtCut-off nicht bedachtVerifizieren lassen, Modul 3
Jeder dieser Fehler ist eine direkte Folge aus stateless, nicht-deterministisch oder Agent-Schleife. Kein Fehler ist Zufall.

Modellwahl in Claude Code

Opus, Sonnet, Haiku

Opus

Das stärkste Modell. Für schwierige Analyse, Architektur, verzwickte Fehlersuche. Teuerster Token.

Sonnet

Der Ausgleich zwischen Stärke, Tempo und Preis — der Alltagsarbeiter.

Haiku

Klein und schnell. Für mechanische, klar umrissene Aufgaben und Hilfsläufe.

Die Namen sind die Familien, nicht die Versionen. Innerhalb jeder Familie gibt es Generationen — die konkreten Versionsnamen ändern sich mehrmals pro Jahr.
Konkrete Modellversionen sind bewusst nicht auf dieser Folie. Aktuellen Stand vor dem Kurs prüfen (/model in Claude Code bzw. die offizielle Dokumentation) und mündlich ergänzen. — geprüft am 2026-07-21

Faustregeln zur Modellwahl

Im Zweifel das mittlere Modell. Die meiste Alltagsarbeit braucht keine Spitzenleistung.
Hochschalten bei Ratlosigkeit. Wenn zwei Anläufe scheitern, ist selten der Prompt schuld — sondern die Aufgabenhärte.
Runterschalten bei Fleißarbeit. Mechanisches Umschreiben braucht kein Spitzenmodell.
Nicht am falschen Ende sparen. Ein billiger Fehllauf, den ihr eine Stunde debuggt, war nicht billig.

Benchmarks vs. Realität

Was Benchmarks messen

Abgeschlossene, saubere Aufgaben mit eindeutiger Lösung, ohne Altlasten, ohne Firmenkonventionen, ohne 200 Dateien Kontext.

Was euer Alltag ist

Gewachsener Code, halbdokumentierte Entscheidungen, Sonderfälle vom letzten Kunden, ein Build, der nur auf einem Rechner grün ist.

Benchmarks vergleichen Modelle untereinander. Sie sagen nichts darüber, wie viel Nutzen ihr in eurem Repo habt. Der einzige belastbare Benchmark ist ein Pilotprojekt bei euch.

Wie das Verhalten entsteht

1Vortraining — sehr viel Text. Ergebnis: Sprache, Weltwissen, Code-Muster.
2Nachtraining mit Feedback (Reinforcement Learning) — das Modell lernt, welche Antworten Menschen als hilfreich und korrekt bewerten.
3Konsequenz: Das Modell ist darauf optimiert, hilfreich zu wirken. Eine flüssige, selbstsichere Antwort ist deshalb kein Qualitätssignal.
Es gibt keinen Tonfall-Unterschied zwischen „das weiß ich sicher" und „das klingt plausibel". Beides klingt gleich gut.

Cut-off Dates

Das Trainingswissen endet an einem Stichtag. Alles danach — neue Library-Versionen, geänderte APIs, eure letzten sechs Monate Projektgeschichte — ist dem Modell unbekannt.

Gefährlich

Es sagt nicht „kenne ich nicht". Es rät eine plausible API — Methodenname, Signatur und Beispiel sehen perfekt aus und existieren nicht.

Gegenmittel

Nachschlagen lassen statt erinnern lassen: Doku holen, im Projekt suchen, kompilieren. Der Compiler ist der beste Halluzinationsdetektor.

Modul 1 in vier Sätzen

1Das Modell rechnet in Tokens — alles, was in die Session kommt, kostet dauerhaft.
2Es ist stateless — Gedächtnis wird durch Wiederholen erzeugt, nicht durch Erinnern.
3Es ist nicht-deterministisch — verlasst euch auf Abnahmekriterien, nicht auf Wiederholbarkeit.
4Als Agent benutzt es Werkzeuge und liest die Ergebnisse — damit wird es nützlich und gleichzeitig gefährlich.
Alles, was in den nächsten drei Tagen kommt, ist eine Antwort auf eine dieser vier Eigenschaften.

Übung 1 — Nicht-Determinismus messen

Aufgabe

Stellt Claude Code dreimal in einer frischen Session dieselbe Frage zum Beispielprojekt seminar-api — zum Beispiel: „Wie kommt eine Buchung von der REST-Schnittstelle bis in die Datenbank?"

Verifizierbares Ergebnis: Ihr habt drei Antworten nebeneinander und könnt drei konkrete Unterschiede benennen — und beurteilen, ob alle drei fachlich richtig sind.

Dauer ca. 20 Minuten · Einzelarbeit

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cgsit-claude-training · Modul 1 · v0.1.0