Modul 6
Workflow-Frameworks im Vergleich
Tag 2 · ca. 90 Minuten
Lernziel Modul 6
Der Teilnehmer kann QRSPI, BMAD und OpenSpec nach Philosophie einordnen und begründet ein Framework für einen gegebenen Projekttyp wählen.
- Die Leitidee benennen — QRSPI ordnet nach Phasen, BMAD nach Rollen, OpenSpec nach Artefakten.
- Nach Philosophie einordnen — nicht die Kommandos vergleichen, sondern die Stelle, an der ein Framework Alignment erzeugt.
- Begründet wählen — zu einem gegebenen Projekttyp sagen können, welches passt und was es an Aufwand kostet.
Einordnen heißt die Leitidee benennen können, nicht die Kommandos auswendig können.
Arbeitsteilung ist nicht neu — der Zuschnitt schon
Workflow-Frameworks bilden Softwareprozesse ab.
Und die teilen Arbeit, seit es sie gibt — nur unterschiedlich fein.
- Wasserfall teilt nach Phasen und Rollen: Analyse, Design, Bau, Test — jede mit eigener Abnahme.
- Agil teilt nach Inkrementen: Story, Sprint. Kleiner geschnitten, aber dieselbe Idee.
- Mit einem Agenten kommt eine harte Grenze dazu: das Arbeitspaket muss in einen Kontext passen (Modul 3).
- Deshalb sind agentische Workflows kein neues Paradigma — sie sind derselbe Schnitt, feiner, mit einem prüfbaren Artefakt an jeder Naht.
# Größe des Arbeitspakets
Wasserfall Phase Wochen bis Monate
Agil Story Tage
Agentisch Schritt passt in einen Kontext
# und an jeder Naht dasselbe:
ein Artefakt + eine Abnahme
Neu ist nicht die Arbeitsteilung, sondern die Größe des Pakets — und dass jedes Paket ein Abnahmekriterium braucht, weil niemand mehr über die Schulter schaut.
Schnitte, die man nicht vermischt
Neben dem Prozess gibt es zwei weitere Trennungen — und sie sind genauso streng, auch wenn niemand ein Framework dafür verkauft.
| Schnitt |
Was dazugehört |
Warum getrennt |
| 1 · Prozess | Phasen, Rollen, Inkremente, Gates | darum geht es in diesem Modul |
| 2 · Technisches Fundament | Basis-Frameworks (Batch, CRUD, REST-Gerüst), Architektur, Infrastruktur | anderes Tempo, andere Risiken — ein Fehler im Fundament trifft alle Use Cases |
| 3 · Werkzeug | CLAUDE.md, Rules, Skills, Hooks, Agenten | eigenes Arbeitsgebiet mit eigener Abnahme — nicht „nebenbei" |
- Fundament ist ein eigenes Projekt, kein Vorspann zum Feature: eigener Auftrag, eigene Spec, eigene Abnahme — sonst wandert Fachlichkeit ins Gerüst und ist dort nicht mehr zu finden.
- Die Firmengröße bestimmt nur die Träger, nicht die Trennung: große Häuser haben ein Framework- und ein Test-Team; kleine haben dieselben drei Schnitte — als getrennte Sessions und getrennte Commits.
Wer die Skill- und Rule-Landschaft beim Codieren nebenbei mitbaut, bekommt beides halb: mittelmäßigen Code und Werkzeuge, die niemand geprüft hat.
Jede Ebene hat ihre eigene Abnahme
Jede Ebene ist ein eigenes Vorhaben mit eigenen Werkzeugen und eigener Abnahme — links steht, womit gebaut wird, rechts, woran man Fertig erkennt.
feature-rules · /test
Fachliche Moduleein Use Case
Feature-Test
framework-rules · architecture-reviewer
Technisches Fundamentträgt viele Use Cases
Contract-Test
/deploy · Hooks · deny-Regeln
Infrastrukturträgt alles Technische
Smoke-Test in Produktion
CLAUDE.md · globale Rules · Gate-Hooks
Firma & Prozessträgt alle Projekte — Konventionen, Rollen, Gates
Gate greift nachweislich
nach unten: seltener geändert, breiterer Schaden
· Test ist keine Ebene, sondern eine Spalte — jede Ebene prüft anders (Modul 9)
Die Werkzeugschicht ist kein Zusatz, sondern die Abbildung dieser Pyramide — und sie erbt ihre Statik: ein Skill weiter oben setzt alles darunter voraus.
Gemeinsame DNA
Warum es diese Frameworks überhaupt gibt
Alle lösen dasselbe Problem
Die Frameworks sehen unterschiedlich aus, aber sie sind Antworten auf zwei Eigenschaften aus Modul 1:
stateless
Das Modell behält nichts. Alles, was es beim nächsten Schritt wissen muss, muss irgendwo stehen — und wieder mitgeschickt werden.
nicht-deterministisch
Der Weg variiert. Verlassen kann man sich nur auf ein vorher vereinbartes Ziel, nie auf Wiederholbarkeit.
Diese Frameworks sind keine Methodik-Mode.
Sie sind Werkzeugkunde für ein Werkzeug, das vergisst — jedes ein Vorschlag, wie die fehlende Struktur von außen aussieht.
Die gemeinsame DNA
- Alignment vor Arbeit — bevor Code entsteht, wird Einigkeit über Problem und Lösung hergestellt, und zwar schriftlich. Der teure Denkfehler soll passieren, solange er noch nichts kostet.
- Artefakte statt Gedächtnis — das Einvernehmen liegt in einer Datei im Repo, nicht in einer Chat-Historie. Eine frische Session muss daraus weiterarbeiten können.
- Isolierter Context statt Riesensession — jeder Schritt bekommt genau den Kontext, den er braucht, nicht die gesamte Projektgeschichte.
Wer diese drei sieht, muss sich zwischen den Frameworks nicht entscheiden wie zwischen Religionen — sondern nur fragen, welche Ausprägung zum eigenen Projekt passt.
Die Einordnungsachse dieses Moduls
Die drei unterscheiden sich nicht im Anspruch, sondern in der Form, die die Struktur annimmt.
Phasen · QRSPI
Die Struktur ist die Reihenfolge.
Stufen mit Gates dazwischen.
Rollen · BMAD
Die Struktur ist die Arbeitsteilung.
Spezialisten und ihre Übergaben.
Artefakte · OpenSpec
Die Struktur ist das Dokument.
Eine gepflegte Wahrheit, Deltas dagegen.
drei Formen derselben Sache: Kette, Übergabe, gemeinsame Wahrheit
Keine der drei Leitideen schließt die anderen aus.
Jedes Framework betont eine davon — und erbt die anderen implizit.
Die Leitideen im Einzelnen
Phasen · Rollen · Artefakte — und ein vierter, den wir nicht geprüft haben
Phasen — die Pipeline als Leitidee
QRSPI steht für Questions Research Structure Plan Implement — der Ablauf ist die Struktur: jede Stufe hat einen eigenen Output, und zwischen den Stufen sitzen Gates.
Questions
Research
Structure
Plan
Implement
Kern der Idee: Pflicht-Gates nach dem Design und nach der Aufgabenzerlegung.
Der Mensch gibt frei, bevor die nächste Stufe beginnt.
Prinzipien, die es wert sind
Drei Sätze aus dem Framework-Vergleich, die auch ohne das jeweilige Werkzeug tragen.
- Context-Isolation gegen „completion bleed" — in Research und Structure wird das Ticket-Framing bewusst weggelassen. Sonst baut der Agent die naheliegende Lösung, bevor er das System verstanden hat.
- „Brain Surgery Moment" — Design fertig, null Zeilen Code: genau hier ist eine Korrektur fast gratis. Danach wird sie teuer.
- „control flow, not prompts" — verlass dich nicht darauf, dass das Modell sich an eine Regel erinnert; baue den Ablauf so, dass der falsche Schritt gar nicht möglich ist.
Design fertig,
0 Zeilen Code
fast gratis
Absatz umschreiben
erste Umsetzung
steht
spürbar
Code wegwerfen
Tests grün,
Review durch
teuer
Tests ziehen mit
in Produktion
Migration
Daten sind schon da
die Breite ist der Preis derselben Korrektur
checked am 2026-07-21 gegen cgsit-finance
Rollen — das Team als Leitidee
BMAD-METHOD — „Breakthrough Method for Agile AI-Driven Development" — baut eine Produktorganisation nach: Analyst, Produktmanagement, Nutzerführung, Architektur, Entwicklung, Qualitätssicherung.
Struktur entsteht nicht durch Stufen, sondern durch Übergaben zwischen Rollen.
- Rollen statt Prompts — jede Rolle ist ein eigener Agent mit eigenem Auftrag und eigenem Ergebnisdokument. Version 6 bringt 12+ Rollen und 34+ vorgefertigte Abläufe.
- Dokumente tragen den Kontext, nicht der Verlauf — jede Phase erzeugt ein Dokument, das die nächste liest. Die Rollen teilen sich keine Unterhaltung.
- Konvention, keine Engine — der Ablauf ist dokument- und prompt-getrieben. Nichts erzwingt ihn technisch; wer eine Phase überspringt, wird nicht aufgehalten.
Architektur
architecture.md
jede Rolle liest das Dokument der vorigen — nie deren Verlauf
lila: eigener Agent, eigener Kontext
Der Mensch führt, statt mitzutippen: Er entscheidet zwischen den Rollen — und wird damit zum Engpass, sobald es zu viele werden.
checked am 2026-07-29 gegen github.com/bmad-code-org/BMAD-METHOD (V6)
BMAD im Ablauf
Jede Phase hat ihre Rolle, ihre Abläufe und ihr Ergebnisdokument.
Das Dokument ist die Übergabe an die nächste Phase.
| Phase |
Rolle |
Abläufe (Auswahl) |
Ergebnis |
| 1 Analysis (optional) | Analyst | bmad-brainstorming · bmad-deep-recon · bmad-product-brief | Recherche, Produkt-Kurzbeschreibung |
| 2 Planning | Produktmanagement, Nutzerführung | bmad-prd · bmad-ux · bmad-spec | prd.md, Entwürfe, Spezifikation |
| 3 Solutioning | Architektur | bmad-architecture · bmad-create-epics-and-stories · bmad-check-implementation-readiness | Architektur, Epics und Stories, Reifebericht |
| 4 Implementation | Entwicklung | bmad-sprint-planning · bmad-quick-dev · bmad-code-review · bmad-retrospective | sprint-status.yaml, Code, Review-Berichte |
Der Übergang 3 nach 4 ist BMADs Fassung des Design-Gates: Architektur und Story-Zerlegung müssen fertig sein, bevor implementiert wird — geprüft von bmad-check-implementation-readiness.
checked am 2026-07-29 gegen docs.bmad-method.org (V6)
BMAD Stärken und Kosten
Stark
Self-contained Story-Files — der umsetzende Agent braucht nichts sonst. Kein Nachlesen der Architektur, keine Abhängigkeit vom Chat-Gedächtnis. Das eliminiert Context-Loss zwischen Handoffs.
Quality-Gates mit abgestuftem Ergebnis (PASS / CONCERNS / FAIL / WAIVED) statt binärem „passt schon".
Teuer
Eine Rollen-Armada (12+ Rollen, 34+ Abläufe in V6) plus Gerüstwerk will gepflegt werden.
„Agenten prüfen Agenten" — wenn früh ein Fehler entsteht, kann er durch die ganze Rollenkette propagieren, ohne dass ein Mensch ihn je sieht.
checked am 2026-07-21 gegen Doku
Artefakte — die Spezifikation als Leitidee
OpenSpec ist eine leichtgewichtige Planungsschicht, die über beliebigen KI-Coding-Agenten liegt: Sie hält die fachlichen Anforderungen als lebende Dokumentation neben dem Code — und trennt dabei strikt Wahrheit von Änderung.
- Zwei Ordner, ein Prinzip —
specs/ ist der Ist-Zustand, changes/<id>/ die vorgeschlagene Änderung.
- Delta statt Vollbild — eine Änderung beschreibt
ADDED, MODIFIED, REMOVED, nicht das Gesamtsystem. Genau das macht es für Bestandscode brauchbar.
- Verhaltensverträge statt Umsetzungspläne — Anforderungen als
MUST/SHOULD plus Given/When/Then.
- Bewusst ohne harte Gates — das Review ist menschengetrieben, die erklärte Haltung lautet „fluid over rigid".
Der Merge-back ist der eigentliche Trick: Nach dem Abschluss beschreibt die Spezifikation wieder den Ist-Zustand — die eingebaute Antwort auf Doku-Drift.
checked am 2026-07-29 gegen openspec.dev und docs/concepts.md
OpenSpec im Ablauf — eine Änderung von Anfang bis Archiv
Fünf Stationen.
Jede erzeugt ein Artefakt, das die nächste als Kontext liest — „each artifact provides context for the next".
- Vorschlagen — ein Ordner
changes/<id>/ entsteht.
- Artefakte erzeugen, in dieser Reihenfolge:
proposal.md (Absicht und Umfang), specs/ (das Delta), design.md (technischer Weg), tasks.md (Umsetzungsliste).
- Umsetzen —
tasks.md abarbeiten und abhaken. Zeigt die Umsetzung etwas Neues, werden die Artefakte nachgezogen.
- Prüfen — stimmt das Gebaute mit den Verhaltensverträgen überein?
- Archivieren —
ADDED anfügen, MODIFIED ersetzen, REMOVED löschen; dann wandert der Ordner nach changes/archive/.
openspec/
├─ specs/ Wahrheit
│ ├─ auth/spec.md
│ └─ payments/spec.md
└─ changes/
├─ add-dark-mode/
│ ├─ proposal.md
│ ├─ design.md
│ ├─ tasks.md
│ └─ specs/ui/spec.md
└─ archive/
└─ 2026-01-24-add-2fa/
Das Archivieren ist die Doku-Pflege — es gibt keinen Schritt „Doku nachziehen", den jemand vergessen könnte.
checked am 2026-07-29 gegen github.com/Fission-AI/OpenSpec docs/concepts.md
Spec als Vertrag, nicht als Plan
Die Spezifikation beschreibt zugesichertes Verhalten, nicht den Weg dorthin — und eine Änderung wird als Delta dagegen geschrieben, nicht als neues Vollbild.
- Behavior-Contracts statt Implementierungspläne — Anforderungen in
MUST/SHOULD-Form plus GIVEN … WHEN … THEN-Szenarien.
- Delta statt Vollbild — eine Änderung wird als
ADDED / MODIFIED / REMOVED gegen die Truth beschrieben, nicht als neue Gesamtspezifikation.
- Bewusst gate-frei — Reviews sind menschengetrieben, es gibt keine erzwingende Zustandsmaschine. Die erklärte Haltung ist „fluid over rigid".
die Wahrheit
specs/was heute gilt
ADDED MODIFIED REMOVED
beim Archivieren zurück
die Änderung
changes/<id>/nur das Delta
rot: was nur für diese eine Änderung existiert — lila: der Rückweg
checked am 2026-07-21 gegen Doku
GitHub Spec Kit
Ein weiterer Vertreter der artefakt-orientierten Familie: Spec-Driven Development, bei dem die Spezifikation der führende Gegenstand ist und der Code daraus abgeleitet wird.
Ehrlichkeitshalber: Spec Kit ist in unserem eigenen Framework-Benchmark ausdrücklich als noch offen geführt.
Wir haben es nicht geprüft — also behaupten wir hier nichts darüber.
checked am 2026-07-21 gegen Doku
Vergleichsmatrix
Sechs Achsen statt Glaubensfragen
Vergleichsmatrix statt Glaubensfragen
| Achse |
QRSPI / RPI |
BMAD |
OpenSpec |
| Leitidee | Phasen | Rollen | Artefakte |
| Wo entsteht Alignment? | Am Gate zwischen zwei Phasen — „Design fertig, 0 Code" | Im Handoff zwischen den Rollen — Planning vor Development | In der Spec-Review vor dem Merge des Deltas |
| Zentrales Artefakt | Der Output der jeweiligen Stufe (Research, Struktur, Plan) | Das self-contained Story-File | Die Truth-Spec plus das Delta dagegen |
| Wie wird Context isoliert? | Ticket-Framing in frühen Phasen bewusst weglassen | Story-File trägt allen nötigen Kontext eingebettet mit | Delta statt Vollbild — nur die Änderung ist im Blick |
| Härte der Freigabe | Erzwungene Gates | Abgestufte Quality-Gates (PASS / CONCERNS / FAIL / WAIVED) | Bewusst gate-frei, menschengetrieben („fluid over rigid") |
| Overhead sitzt bei… | …der Zahl der Stufen | …der Zahl der Rollen und Dokumente | …der Pflege der Truth-Specs |
Wie diese Matrix zu lesen ist
Belegt
Zeilen 1–5 fassen zusammen, was im CGS-Benchmark zu OpenSpec, QRSPI und BMAD dokumentiert ist (RFC-223, 2026-07-01 und 2026-07-07).
Einschätzung
Zeile 6 („Overhead sitzt bei…") ist eine Ableitung aus der Leitidee, keine Aussage der Frameworks über sich selbst. Als solche kennzeichnen.
Bewusst nicht in der Matrix: Versionen, Kommandos, Community-Größe, „welches ist das beste".
Solche Zeilen veralten schneller, als man sie pflegen kann.
checked am 2026-07-21 gegen Doku
Das Artefakt ist der Schnitt
Die drei streiten über die Form des Artefakts — aber alle benutzen es für dasselbe: den Punkt zu markieren, ab dem der bisherige Verlauf entbehrlich ist.
| Ansatz |
Zentrales Artefakt |
Ab wann der Verlauf entbehrlich ist |
| QRSPI | Output der jeweiligen Stufe | nach jeder Stufe |
| BMAD | self-contained Story-File | nach dem Handoff an die Umsetzung |
| OpenSpec | Truth-Spec + Delta | nach dem Merge des Deltas |
| CGS — und eure Übung aus Modul 5 | RFC + Ticket | nach dem Analyse-Review und nach dem Design-Gate |
- „Self-contained" ist keine Stilfrage, sondern eine Kontext-Aussage: Das Story-File ist genau deshalb vollständig, damit die Umsetzung bei null anfangen kann.
- Dasselbe beim Delta: es ist klein, damit niemand das Vollbild mitschleppen muss.
Wer ein Artefakt schreibt, kauft sich einen sauberen Neustart.
Der eigene 16–20-Schritte-Workflow
Ein echter Workflow, kein Lehrbeispiel
Der tatsächlich gelebte Entwicklungs-Lebenszyklus aus einem produktiven CGS-Projekt, wörtlich aus dessen CLAUDE.md: 15 Hauptschritte — und dazwischen acht eingeschobene.
1b · 2a · 3a · 6a · 6b · 7b · 14a · 15a — das sind keine geplanten Schritte, das sind Narben.
Die Buchstaben verraten es: jeder markiert eine Stelle, an der etwas schiefgegangen ist und danach ein Schritt dazwischen musste.
Legende für die nächsten drei Folien:
Gate Freigabe-Punkt — solange er offen ist, wird nicht weitergearbeitet.
· Mensch ein Mensch muss ausdrücklich bestätigen; kein Agent entscheidet das.
Planen und designen (1–3a)
1Plan / Clarify — bei unklarem Scope wird nachgefragt, nicht geraten.
1bUnderstanding-Loop bei Eingaben ohne RFC: „Verstanden…" + „Plan…" schreiben und auf OK warten. Ersetzt die fehlende formale Abnahme.
2RFC oder Ticket — neue Funktion oder Architekturänderung bekommt einen RFC, ein kleiner Fix nur ein Ticket.
2aAnalyse-Review + Accept (Draft Accepted) — richtiges Problem? Done-Definition verifizierbar? Test-Strategie und Testdaten je Layer vorgesehen?
3Spec / Concept — erst die Architektur- und Domänen-Dokumente lesen, dann das Topic-Doc schreiben oder erweitern.
3aDesign-Gate + Design-Review (Accepted In Progress) — Design-Freigabe setzen, 0 Code davor. Ohne Haken warnt das Werkzeug.
Bauen und prüfen (4–7b)
4Implement code + tests — vorher das Test-Layer-Modell und die Regeln lesen. Neue zustands-, security-, geld- oder compliance-relevante Aktion? Dann Event mitdenken.
5Local verify — Tests vom Repo-Root, Frontend-Tests, Compile, Build.
6RFC-Checkliste nachziehen — erledigte Punkte im Planungsartefakt abhaken.
6aSame-Commit-Doku-Pflicht prüfen — die geänderten Dateien gegen eine Trigger-Tabelle scannen. Jeder Treffer heißt: Doku-Update in diesem Commit.
6bMigration-Safety, falls Datenbank-Migrationen dabei sind — Sperrverhalten, Backfill, Rollback, Versionsnummer.
7Klassifizieren + Version — Feature, Bugfix oder Doc-only? Kleine Fixes werden zu einem Versionssprung gebündelt.
7bSelf-Review (Pflicht) — feste Checkliste; bei sensiblen Bereichen zusätzlich ein Review-Subagent vor dem Commit. Übersprungen wird nur mit Begründung in der Commit-Message.
Ausliefern und schließen (8–15a)
8–9Commit und Push — autonom. Der Pre-Push-Hook prüft Compile und Tests, die CI ist das Sicherheitsnetz.
10–11Lokaler Smoke-Test (optional) und CI abwarten — die fünf Minuten Bauzeit werden zum Durchklicken genutzt.
12DB-Backup, falls Migrationen im Push sind.
13Vor dem Deploy fragen — Mensch immer. Dieser Schritt ist nicht delegierbar, egal wie grün alles aussieht.
14Deploy + Verify — ausrollen, danach die laufende Version prüfen.
14aOperational Readiness — Vier-Punkte-Check nach dem Deploy: Scheduler/Alarm, Metrik, Fehler-Log-Muster, Betriebsdoku.
15/15aDoku nachziehen + Closeout-Review — bevor ein RFC auf „Done" geht: „Done-Definition erfüllt? Bug-Typ strukturell unmöglich?" Bei Nein bleibt er offen — offene Punkte werden im RFC benannt, nicht in ein Folgeticket vertagt.
Wo darin welche Philosophie steckt
Die Probe auf die Vergleichsmatrix: Jede Leitidee taucht in diesem gewachsenen Ablauf wieder auf — ohne dass jemand je ein Framework eingeführt hätte.
| Schritt im eigenen Workflow |
Entspricht der Idee… |
Leitidee |
| 3a Design-Gate — „0 Code davor" | „Brain Surgery Moment" | Phasen |
| Research im Subagenten ohne Ticket-Framing | Context-Isolation gegen „completion bleed" | Phasen |
| Hooks und deny-Regeln statt Prosa-Regeln | „control flow, not prompts" | Phasen |
| Review-Subagenten mit je einem Output-Artefakt | Rollen-Handoff mit isoliertem Deliverable | Rollen |
| Kontext-komplette Bau-Phasen (geplant, offen) | Self-contained Story-Files | Rollen |
| Domänen-Dokumente als Wahrheit, RFC als Delta | Truth Delta | Artefakte |
| 6a Same-Commit-Doku-Pflicht | Merge-back nach Abschluss | Artefakte |
Alle drei Leitideen sind da — keine davon rein.
Genau das ist der Normalfall in einem gewachsenen Projekt.
Gewachsene Synthese, kein Produkt
Dieser Workflow ist nicht „Framework X mit Anpassungen" — er ist entstanden, indem gegen die Frameworks geprüft wurde und dann einzelne Prinzipien übernommen wurden, das Tooling aber nicht.
Der volle Aufbau ist „unsere eigene Synthese — von keinem der beiden Frameworks als Standard belegt (bewusste Design-Wette, kein Industrie-Standard)“. — RFC-223, cgsit-finance, 2026-07-01
Übernommen
Prinzipien: Design-Gate, Context-Isolation, Truth Delta, kontext-komplette Arbeitspakete.
Bewusst nicht übernommen
Fremde Ordnerstrukturen und CLIs, die volle Stufen-Pipeline, die Persona-Armada. Begründung jeweils dokumentiert.
Prozess-Overhead & Adoptionsrisiko
Die Zeremonie-Falle
Zeremonie-Falle: Ein Prozess sammelt so viele Schritte, Gates und Pflichtdokumente an, dass die Einhaltung teurer wirkt als die Arbeit — und deshalb nur noch behauptet wird.
Wie sie aussieht
Die Haken werden gesetzt, nachdem der Code schon steht. Der RFC wird rückwirkend zur Implementierung passend geschrieben. Reviews sagen reflexhaft „passt".
Warum sie schlimmer ist als kein Prozess
Ein nicht gelebter Prozess erzeugt falsche Sicherheit: alle glauben, es habe jemand hingesehen — niemand hat.
Die Probe: Ein Gate, das nie NEIN sagt, ist kein Gate. Es ist ein Klick.
Was jeder Gate wirklich kostet
Wartezeit
Jede Freigabe, die ein Mensch geben muss, ist ein potenzieller Halbtag Liegezeit.
Schreibarbeit
Jedes Pflichtartefakt muss geschrieben und aktuell gehalten werden.
Kognitive Last
Wer den Ablauf nicht im Kopf hat, macht ihn falsch oder gar nicht.
Adoptionsrisiko
Je größer die Hürde, desto größer die Versuchung, „nur diesmal" daran vorbeizuarbeiten.
Die Gegenmaßnahme ist nicht „weniger Prozess", sondern Zeremonie an Auslösern skalieren: der volle Ablauf greift bei riskanten Änderungen — Geld, Datenschutz, Migration, mandantenübergreifende Daten.
Ein Tippfehler-Fix läuft ohne.
Belegt
Der CGS-Workflow formuliert genau diese Schwelle selbst: Pflicht-Reviews nur bei sensiblen Auslösern — „für 1 Architekt + Claude darf nicht jeder Kleinkram-RFC ein 3-Gate-Marathon werden“.
Ein Prozess braucht eine Aus-Schaltung, sonst schaltet ihn das Team aus.
Regeln aus Schmerz, nicht aus Prinzip
Das stärkste Gegenargument zur Zeremonie-Falle: Im CGS-Workflow hat jede Regel einen datierten Auslöser — sie steht nicht da, weil sie gut klingt.
RFC-184 Bug #177
Eine halb implementierte Architektur führte zu einem Datenschutz-Fehler.
Daraus entstand das Design-Gate (Schritt 3a): Design freigegeben, 0 Code davor.
2026-05-14
Ein veraltetes Domänen-Dokument war die Ursache eines Produktionsfehlers — das Doku-Update war als Folgeaufgabe geplant und nie passiert: „the follow-up never happens and the doc rots within weeks“.
Daraus entstand die Same-Commit-Doku-Pflicht (Schritt 6a).
2026-05-18
Ein neues Dokument wurde von Grund auf geschrieben, obwohl ein bestehendes 600-Zeilen-Dokument das Thema bereits abdeckte — niemand hatte es geöffnet.
Daraus entstand die Doc-Discipline: erst greppen, dann erweitern statt duplizieren.
Deshalb heißen die Schritte 1b, 2a, 3a, 6a, 6b, 7b, 14a, 15a: Es sind eingeschobene Schritte.
Die Nummerierung ist die Unfallgeschichte des Projekts.
Wie man daraus etwas einführt
- Nicht das Framework kopieren, die Leitidee wählen — braucht euer Problem Reihenfolge, Arbeitsteilung oder eine gepflegte Wahrheit?
- Mit einem Gate anfangen — in der Praxis fast immer das gleiche: Alignment vor Code. Alles andere kann folgen.
- Auslöser definieren, nicht Pflicht für alles — wann greift der volle Ablauf, wann reicht ein Ticket?
- Mechanisieren, was mechanisierbar ist — eine Regel, die ein Hook prüft, driftet nicht: „control flow, not prompts".
- Jede neue Regel bekommt ihren Auslöser ins Dokument — Datum und Vorfall dazu, sonst fehlt in einem Jahr die Begründung.
Modul 6 in vier Sätzen
- Alle Workflow-Frameworks antworten auf dieselben zwei Eigenschaften aus Modul 1 — stateless und nicht-deterministisch — mit denselben drei Bausteinen: Alignment, Artefakte, isolierter Context.
- Sie unterscheiden sich in der Leitidee: Phasen (QRSPI/RPI), Rollen (BMAD), Artefakte (OpenSpec).
- Ein realer Workflow ist meist eine Synthese aus allen dreien — und darf das auch ehrlich so nennen.
- Jeder Gate kostet. Wer die Zeremonie-Falle vermeiden will, skaliert Zeremonie an Auslösern und begründet jede Regel mit einem echten Vorfall.
Die Frage ist nie „welches Framework ist das beste", sondern „welche Struktur hält mein Team durch, und wo darf sie fehlen".
Übung 6 — Begründet entscheiden
Aufgabe
Wählt für jeden der drei Projekttypen ein Vorgehen —
eine der drei Leitideen oder eine benannte Mischung:
AGreenfield-Produkt — neues Team, nichts existiert, Fachlichkeit noch unscharf.
BLegacy-Wartung mit Altlasten — gewachsener Code, kaum Doku, produktive Kunden.
CKleines internes Tool — ein bis zwei Entwickler, geringes Risiko, schnelle Änderungen.
Verifizierbares Ergebnis: Drei Entscheidungen mit je
zwei Sätzen Begründung, die sich ausdrücklich auf die
Achsen der Vergleichsmatrix beziehen — mindestens
„wo entsteht Alignment", „zentrales Artefakt" und
„wo sitzt der Overhead". Eine Begründung ohne Achsenbezug zählt nicht.
Dauer ca. 20 Minuten · Zweiergruppen, danach Auflösung im Plenum
Auflösung Übung 6
Es gibt keine richtige Wahl — aber es gibt tragende und nicht tragende Begründungen.
Das sind die Muster, die fast immer auftauchen.
| Typ |
Was meist gewählt wird — und das tragende Argument |
Der Preis |
| A Greenfield | Umstritten, und das ist der Lerneffekt: keine Altlasten, aber auch keine Konventionen. Wer Rollen wählt, will Alignment im Team; wer Phasen wählt, will die unscharfe Fachlichkeit zuerst schärfen. | Prozess für ein Produkt, das sich noch dreht — jede Festlegung kann Ballast werden. |
| B Legacy | Fast immer das Artefakt-Argument: Die Wahrheit steht nirgends, also muss sie erst hergestellt werden. Ohne geschriebene Spezifikation rät der Agent die Altlast mit. | Das Schreiben der Wahrheit kostet, bevor es nützt. |
| C Kleines Tool | Fast immer das Overhead-Argument: Bei zwei Entwickler:innen ist jedes Gate ein reiner Verlust. „Kein Prozess" ist hier eine gültige Antwort. | Kein Artefakt heißt: kein Gedächtnis, wenn jemand geht oder das Tool wächst. |
Wann wird C zu B? In dem Moment, in dem jemand die Entscheidungen nicht mehr im Kopf hat — ein zweites Team, ein Jahr Pause, eine erste externe Nutzerin.
Das Signal ist nicht die Codegröße, sondern die erste Rückfrage, die niemand aus dem Gedächtnis beantworten kann.
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cgsit-claude-training · Modul 6 · v0.11.5